Warum wir Feuerwerk nicht verbieten dürfen!

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Warum wir Feuerwerk nicht verbieten dürfen!

17. Dezember 2025

von Christoph Kröpl

Am frühen Abend des 31. Dezember riecht die Stadt schon anders. Ein Hauch von Schwarzpulver liegt in der Luft, irgendwo probiert jemand „nur mal kurz“ die neue Batterie aus, Kinder zählen die Stunden bis Mitternacht. Für viele beginnt in diesem Moment nicht der Ausnahmezustand, sondern der Feiertag, auf den sie sich das ganze Jahr freuen: einmal selbst den Himmel anmalen, statt nur zuzuschauen.

Gleichzeitig tourt seit einigen Jahren eine neue Silvestertradition durchs Land: die Kampagne für das große Verbot. Feuerwerk, so heißt es, sei laut, schmutzig, gefährlich, rückständig und im Grunde doch leicht abzuschaffen. Deutschland, das Land der Verordnungen und Lärmschutzfenster, entdeckt an Silvester seine Lust am Verbot. Bevor wir diese Lust weiter moralisch aufladen, lohnt sich ein nüchterner Blick darauf, worüber wir da überhaupt reden.

Rein rechtlich ist die Sache nämlich ziemlich klar und viel viel strenger als viele ahnen. In Deutschland wird Feuerwerk nach Gefahrengruppen sortiert: F1, das sind Wunderkerzen, Tischfontänen, Kleinstfeuerwerk. Gibt es ab 12 Jahren, das ganze Jahr. F2 – das klassische Silvesterfeuerwerk mit Raketen und Batterien – ist ab 18, aber grundsätzlich an 364 Nächten im Jahr verboten. Es darf ohne Ausnahmegenehmigung nur in einer einzigen Nacht gezündet werden: vom 31. Dezember auf den 1. Januar. Alles darüber hinaus – F3 und F4, die großen Effekte für Profis – ist ohnehin erlaubnispflichtig; wer ohne Fachkunde damit hantiert, bewegt sich nicht im Bereich der Silvestertradition, sondern der Sprengstoffkriminalität. Darunter sind dann auch die „Kugelbomben“ einzuordnen.

Dazu kommen noch technische Kategorien wie T1 für Theater und P1 für Signal- oder Schallerzeuger, gedacht für Rettung und Spezialanwendungen, inzwischen von manchen aber als „Böllerersatz“ missbraucht, aber eben nicht dafür gedacht. Kurz gesagt: Wir sind weit entfernt vom pyrotechnischen „Wilden Westen“. Deutschland hat heute eines der strengsten Feuerwerksreglements in Europa, während in etlichen EU-Ländern Feuerwerk der Kategorie F2 ganzjährig genutzt werden darf. Ausgerechnet die eine Nacht, die bei uns übriggeblieben ist, soll nun am liebsten wegreguliert werden.

Das wirkt umso merkwürdiger, weil sich gleichzeitig etwas Anderes beobachten lässt: Während die Verbotsrhetorik jedes Jahr lauter wird, erlebt das Feuerwerk selbst eine Renaissance. Großfeuerwerke boomen das ganze Jahr. Nach den pandemiebedingten Verkaufsverboten stiegen Einfuhren und Umsätze der Branche auf Rekordwerte, Händler berichten von neuen Kund:innen und volleren Warenkörben. Ganz offensichtlich ist der Wunsch, selbst zu zünden, nicht einfach verraucht. Ganz im Gegenteil.

Dabei formulieren viele Empörungsbeiträge so, als sei das Silvesterfeuerwerk technisch stehengeblieben. In den Regalen dominieren heute Verbund- und Effektbatterien mit komplexen Choreografien, farbigen Kometen und langen Standzeiten am Himmel: mehr Licht, weniger roher Knall. Hersteller reduzieren seit Jahren Plastikkomponenten, Baukörper und Verpackungen bestehen überwiegend aus Pappe, Ton und Holz; der Anteil am jährlichen Haushaltsmüll bewegt sich im Promillebereich. Wer da immer noch vom „archaischen Geböller“ spricht, redet an der Wirklichkeit vorbei und, ehrlich gesagt, an der ästhetischen Entwicklung einer Kulturtechnik, die den künstlerischen Ausdruck in der Masse fördert.

Man könnte also sagen: Auf der einen Seite steht ein technisch und optisch durchaus modernes Feuerwerk, auf der anderen ein Bild, das eher aus den Achtzigern stammt. Dazwischen: eine Debatte, die erstaunlich schnell ins Moralische kippt.

Warum also dieser Drang, ausgerechnet diese eine Nacht immer weiter zu reglementieren, als hinge Klima, öffentliche Ordnung und Zukunft der Innenstädte davon ab? Natürlich kann man Lärm und Krach nicht mögen. Man kann Silvester in den Bergen verbringen oder mit Ohrstöpseln im Bett. Alles in Ordnung. Was irritiert, ist nicht der Wunsch nach Ruhe, sondern die Selbstgewissheit, mit der aus persönlicher Abneigung eine Vorschrift für alle werden soll.

Das private Feuerwerk dient in Teilen der Debatte als Projektionsfläche eines sehr deutschen Bedürfnisses: den Nachbarn zu erziehen. Wer Raketen zündet, gilt plötzlich als unvernünftig, unökologisch, sozial verdächtig. Jemand jemand, der „Geld verpulvert“, statt es den richtigen Organisationen zu spenden. Aus der Bitte um Rücksicht wird der Ruf nach Verbot; aus ein paar lauten Minuten im Jahr ein Beweis mangelhafter Zivilisiertheit.
Und, sagen wir’s doch offen: Diese Debatte hat eine klare soziale Schlagseite.

Die lautesten Verbotsforderungen kommen häufig aus gut abgesicherten, bildungsbürgerlichen Milieus, in denen man sich die ruhige Ferienwohnung in den Alpen ebenso leisten kann wie die Schallschutzfenster in der Stadt. Gemeint sind dann oft diejenigen, die ihre Silvesternacht auf dem Parkplatz vor dem Hochhaus oder im Hinterhof verbringen und für die das selbstgezündete Feuerwerk ein erschwinglicher Luxus ist und trotz monetärer Unvernunft pure Freude darstellt. Von oben betrachtet sieht das schnell aus wie „die da unten“, die man gern, allerdings nicht nur beim Feuerwerk, erziehen würde.

Man muss nicht so weit in die Geschichte schauen, um zu wissen: Gesellschaften, die kulturelle Minderheiten mit dem Argument der Ordnung und Reinlichkeit zurückdrängen, flirten mit autoritären Reflexen. Feuerwerk ist gewiss kein Grundrecht, aber es ist ein Symptom dafür, wie wir mit abweichendem Geschmack umgehen und auch damit, dass nicht alle die gleiche Vorstellung von Vergnügung und der „richtigen“ Silvesternacht haben.
Genau an dieser Stelle finden die Ressentiments statt. Die Debatte um Feuerwerksverbote ist längst nicht nur eine Frage von Lärm und Luft, sondern eine Bühne für Abwertung. Aus Kritik am Feuerwerk wird erstaunlich schnell Kritik an „denen da unten“: Mieter:innen ohne Balkon, Menschen in dicht bebauten Vierteln, Leute, für die Sylt höchstens als Tatort-Kulisse existiert. Nicht wenige Kommentare klingen nach dem Blick von oben auf eine vermeintlich ungebildete, hemmungslose Masse, deren Vergnügen man eigentlich für verzichtbar hält.
Hinzu kommen rassistische Untertöne, wenn Unfälle reflexhaft mit „ausländischen Chaoten“ die sich nicht an die deutsche Verbotszone halten wollen verknüpft werden und Sprengstoffkriminalität pauschal Menschen mit Migrationshintergrund angelastet wird. Tragische Einzelfälle fast immer mit illegalen Explosivstoffen werden in einem Atemzug mit geprüftem Kleinfeuerwerk genannt, als wäre das alles dasselbe. Wer ein Verbot fordert, sollte sich ehrlich fragen, ob er diese Begleitmusik wirklich mit in Kauf nehmen will.

Dabei wird erstaunlich wenig darüber gesprochen, was Feuerwerk für viele eigentlich ist. Feuerwerk ist mehr als Physik und Sicherheitsnormen, mehr als Verkaufsverpackung und Restmüll. Es ist eine Kunstform: flüchtig, kollektiv, auf den Himmel geschrieben. Kunsthochschulen experimentieren mit Feuerwerksarchitekturen, das Bauhaus träumte von der Einheit von Handwerk, Technik und Gestaltung, und Pyrotechnik passt da besser hinein, als es manchem lieb sein wird, passt das doch nicht so recht ins eigene Weltbild von der Hochkultur.

Der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Künsten: Feuerwerk ist radikal demokratisch. Es gibt die professionellen Großfeuerwerke, klar. Aber der eigentliche Kern unserer Silvesterkultur ist das selbstgezündete Feuerwerk. Die Kunst zum Selbermachen, ohne Dresscode, ohne Ticketpreis, ohne Exklusivplätze. Eine ganze Stadt wird zur offenen Galerie. Wer das private Feuerwerk verbieten will, verbannt diese demokratische Dimension und ersetzt sie bestenfalls durch zentral organisierte Shows. Übrig bleibt dann ein konsumierbares Spektakel, aber kein Moment mehr, in dem Millionen Menschen gemeinsam, aber selbstbestimmt „ihren“ Himmel gestalten und das alte Jahr hinter sich lassen können.

Spätestens hier kommt zuverlässig der Einwand: Kunst schön und gut – aber der Feinstaub, die Verletzungen und denk auch mal jemand an die Tiere? Die Verbotskampagnen arbeiten mit apokalyptischen Feinstaubwolken, überfüllten Notaufnahmen, panischen Haustieren. Die verfügbaren Daten sind deutlich weniger dramatisch. Feuerwerk verursacht laut Umweltbundesamt rund 0,7 Prozent der jährlichen Feinstaubemissionen; der Großteil stammt aus Verkehr, Industrie und Heizung. Die erhöhten Werte in der Silvesternacht fallen binnen weniger Stunden wieder auf Normalniveau, der Beitrag zum Klimawandel liegt im Promillebereich.

Auch die Krankenhäuser gehen nicht unter, weil Menschen Raketen zünden. Studien deuten auf zwei bis drei verletzte Personen pro 100.000 Einwohner:innen hin; nur ein kleiner Teil der Fälle ist schwer, viele hängen mit illegaler Pyrotechnik oder erheblichem Alkoholkonsum zusammen. Es wäre also naheliegender, über Alkoholprävention und den Kampf gegen illegalen Explosivstoff zu sprechen, statt das geprüfte Kleinfeuerwerk als Hauptproblem zu markieren.

Und die Tiere? Ja, plötzlicher Lärm stresst manche Hunde, manche Vögel. Beobachtungen zeigen aber, dass Wild- und Haustiere in aller Regel nach kurzer Zeit zu ihrem Normalverhalten zurückkehren; langfristige Schäden sind bislang wissenschaftlich nicht belegt. Eine aufgeklärte Tierliebe müsste sich sehr viel dringlicher mit Massentierhaltung, Verkehr und Habitatverlust befassen als mit Projektionen auf eine Viertelstunde Feuerwerk im Jahr.

Dass all diese Bedenken ernst genommen werden müssen, heißt noch lange nicht, dass jede Kampagne seriös ist. Feuerwerksverbote werden heute auch als Teil einer Empörungsökonomie verhandelt. Kampagnenbilder von blutenden Händen und erstickenden Vögeln sammeln Klicks und Spenden und sie machen Nachrichten und auch Politik. Das Feindbild ist klar umrissen: die anonyme, vermeintlich ungebildete Masse, die „für ein paar Minuten Spaß“ Umwelt und Gesundheit der Sicherheitskräfte opfert. So lässt sich gut mobilisieren und auch gut Geld und Stimmen sammeln.

Natürlich dürfen Umweltverbände kritisieren, polemisieren, Kampagnen führen. Das gehört unbedingt zur Demokratie. Aber eine Zivilgesellschaft, die sich dauerhaft über Empörung organisiert, verlernt den Kompromiss. Ausgerechnet beim Feuerwerk, einer Kulturpraktik mit vergleichsweise geringem ökologischem und gesundheitlichem Fußabdruck wirkt diese Radikalität wie ein Testlauf: Wie weit kommen wir mit Verbotspolitik gegen eine bunte Minderheit, die nicht gut organisiert ist und sich noch schwertut, öffentlich für ihr Recht auf Freude zu werben?

Am Ende bleibt die praktische Frage: Was wäre die vernünftige Alternative? Sicher keine Silvesternacht ohne Regeln. Wer Feuerwerk missbraucht, Einsatzkräfte angreift oder illegale Sprengsätze zündet, gehört konsequent verfolgt. Klar soweit? Wer zündet, trägt Verantwortung für Abstand, nüchternen Umgang und Rücksicht auf sensible Orte und Menschen. Prävention, Aufklärung, Kontrolle des illegalen Marktes das ist mühsamer als ein einfaches Verbot, aber auch ehrlicher und demokratisch sauberer.

Wir brauchen eine Kultur, in der Mehrheiten nicht reflexhaft die Kulturpraktiken von Minderheiten reglementieren, nur, weil sie ihnen nicht gefallen. Das setzt weitere Keile an eine aktuell doch sehr fragile Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die Vielfalt ernst meint, muss aushalten, dass wie in einem Mehrfamilienhaus zum Geburtstag, einmal im Jahr die Nacht lauter, heller, wilder ist als sonst wird. Dadurch stürzt weder das Haus ein noch geht das Abendland unter. 

Die Silvesternacht erzählt in Deutschland seit Generationen eine Geschichte von Hoffnung, Neuanfang und einem kurzen Moment gelebter Utopie am Himmel. Vielleicht wäre es an der Zeit, diese Geschichte zu verteidigen: nicht gegen jede Kritik, aber gegen den Reflex, alles, was uns irritiert, wegzuverwalten und zu verbieten. Alles andere ist am Ende eine politische Bankrotterklärung!

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