19. Juni 2026
Hinweis: Dieser Beitrag wurde im Vorfeld Medien angeboten, jedoch bisher nicht abgedruck so das wir ihn jetzt hier veröffentlichen.
Der Bundesparteitag der Linken diskutiert dieses Wochenende mit dem Antrag G12 ein bundesweites Verbot privaten Silvesterfeuerwerks und über einen Änderungsantrag die Legalisierung von Pyrotechnik in Fußballstadien. Als Geschäftsführer des Bundesverbands für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk e.V. überrascht mich dabei weniger die Forderung selbst als die politische Logik und die fachlichen Schwächen, fällt der Antrag doch sogar hinter den der Linken-Bundestagsfraktion aus dem Dezember 2025 zurück.
Denn wer das private Abbrennen von Feuerwerk für Millionen Menschen verbieten will, verlässt den Weg gesellschaftlicher Gestaltung und setzt stattdessen auf einen autoritären Politikansatz: Was als vermeintliches Problem wahrgenommen wird, muss verschwinden. Eine genaue Analyse gibt es nicht, die Ursachen werden nicht benannt und eine Diskussion wird nicht gesucht. Aber es soll verboten werden
Gerade eine linke Partei sollte vorsichtig sein, wenn sie Kulturtechniken, die von Millionen Menschen ausgeübt werden, delegitimiert. Feuerwerk ist keine exklusive Freizeitbeschäftigung der Reichen und auch kein religiös geprägter Brauch wie der Christbaum. Es ist eines der wenigen öffentlichen Ereignisse, an denen Menschen unabhängig von Einkommen und Herkunft gemeinsam teilnehmen, etwas kurzzeitig Vergängliches schaffen und vor allem Spaß dabei haben. In einer Nacht im Jahr treffen sich auf Marktplätzen, in Wohnvierteln und auf Supermarktparkplätzen Menschen, die sonst kaum Berührung miteinander haben. Wer dies pauschal als Problem betrachtet, übersieht seinen sozialen Charakter.
Zusätzlich fällt der Antrag auch fachlich hinter den aktuellen Forschungsstand zurück. So zeigt die Studie des AKTIN-Notaufnahmeregisters der Universität Magdeburg „Impact of government pyrotechnics ban on emergency department usage rates around the turn of the years“, dass selbst die Corona-Jahre mit weitreichenden Feuerwerksverboten keine signifikante Entlastung der Notaufnahmen brachten. Die Vorstellung, ein Verbot löse die im Antrag genannten Probleme automatisch, wird durch die verfügbaren Daten nicht gestützt. Das lässt sich im Übrigen auch für weitere Felder wie die Umweltemissionen durch Silvesterfeuerwerk aufzeigen.
Den Antragsteller von G12 kann man daraus keinen persönlichen Vorwurf machen. Ihr Anliegen ist erkennbar von der Sorge um Tiere, Umwelt und den Schutz von Einsatzkräften geprägt, und zugutehalten kann man ihnen auch, dass sie es nicht wie andere auf dem Rücken migrantischer Jugendlicher tun. Anders sieht es mit dem Änderungsantrag des Parteivorstandes aus. Der will dann noch Pyrotechnik in Stadien und auf Demonstrationen legalisieren und begründet das mit subkulturellem Interesse. Mal ganz davon abgesehen, dass es ohne Silvesterfeuerwerk wohl auch keine Pyrotechnik geben würde, die in Stadien verwendet werden könnte, muss man sich hier schon sehr wundern, wie das alles zusammenpasst. Wird doch hier Silvesterkultur von Millionen Menschen gegen das nachvollziehbare emotionale Bedürfnis einer bestimmten Szene abgewogen. Allerdings ohne sich um fachliche Probleme wie die Verwendung von Seenotfackeln zu scheren. Warum eigentlich nicht beides weiterentwickeln? Die Probleme weiter reduzieren und den pyrotechnischen Zauber sowohl für privates Feuerwerk erhalten als auch in Stadien ermöglichen.
Davon abgesehen muss natürlich niemand Silvesterfeuerwerk oder Pyrotechnik in Stadien mögen. Linke Politik muss jedoch mehr leisten, als moralische Bewertungen oder persönliche Vorlieben in Verbotsforderungen bzw. Gebotsforderungen zu übersetzen. Politik sollte nicht dazu beitragen, alltägliche Kulturpraktiken moralisch abzuwerten, bis ihr Verbot als selbstverständlich erscheint. Ein Bundesparteitag der Linken sollte gesellschaftliche Widersprüche analysieren und politische Lösungen entwickeln.
Die Linke diskutiert aktuell darüber, wie sie wieder stärker in der Lebenswelt von Arbeiter, Angestellten und Menschen mit niedrigen Einkommen verankert werden kann. Ein Grund für ihre Schwierigkeiten könnte sein, dass gesellschaftliche Konflikte zunehmend aus einer rein moralischen Perspektive betrachtet werden. Wer das Silvesterfeuerwerk vor allem als Ausdruck problematischen Verhaltens von „Proleten“ versteht, übersieht, dass es für Millionen Menschen ein erschwingliches, gemeinschaftliches und generationsübergreifendes Erlebnis ist, das sich auch in Fußballstadien wiederfindet. Oder glaubt irgendjemand, dass die, die Pyros in Stadien verwenden, an Silvester nicht zünden? Linke Politik sollte solche Lebensrealitäten zunächst verstehen, bevor sie sie verbieten will.
Die eigentlichen Probleme liegen nicht im legalen, CE-geprüften Silvesterfeuerwerk, das bisher an 363 Tagen im Jahr verboten ist, sondern im illegalen Bereich: bei nicht zugelassenen Sprengkörpern, Eigenbauten, missbräuchlicher Verwendung pyrotechnischer Gegenstände und Alkoholmissbrauch. Bei der Debatte um Angriffe auf Einsatzkräfte mit Feuerwerk muss man aufpassen, nicht Narrative von Jugendgewalt, Integrationsproblemen oder sozialen Brennpunkten zu bedienen, die zudem noch rassistische Ressentiments befeuern, aber mit dem eigentlichen Gegenstand der Diskussion nur wenig zu tun haben. Diese Herausforderungen werden durch ein Verbot legalen Feuerwerks nicht verschwinden. Im Gegenteil: Wer legale und kontrollierte Angebote verbietet, stärkt tendenziell Grauzonen und Schwarzmärkte. Das bedeutet mehr schwere Verletzungen und mehr Lärmemissionen. Die Lösung heißt ganz einfach Prävention und Aufklärung.
Von einer linken Partei muss man mehr erwarten können als die Übernahme der Forderungen von Kampagnen wie #böllerciao oder #pyrotechnikistkeinverbrechen. Man darf erwarten, dass sie gesellschaftliche Probleme differenziert betrachtet, soziale Realitäten ernst nimmt und Freiheit auch für diejenigen verteidigt, die nicht die Mehrheit in Umfragen haben.
Darum ist nicht die Frage, ob Pyrotechnik frei von Problemen ist. Die Frage ist, ob die Antwort einer linken Partei auf gesellschaftliche Herausforderungen tatsächlich im Verbot bestehen soll. Wer Freiheit, soziale Teilhabe und kulturelle Vielfalt ernst nimmt, sollte zuerst nach Lösungen suchen, die auf Grundlage fundierter Untersuchungen Probleme reduzieren, ohne Millionen Menschen ihr Vergnügen zu nehmen.
Von den Delegierten des Bundesparteitags darf man erwarten, dass sie genau diese Debatte führen. Deshalb gehört der Antrag G12 nicht beschlossen, sondern zurück in die politische Diskussion, an der sich der Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk e.V. mit fachlicher Expertise auch gerne beteiligt.
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