Karnevalsdistinktion, Feuerwerksverdammung.

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Karnevalsdistinktion, Feuerwerksverdammung.

18. Februar 2026

Von Überlegenheit, der Lust am Verbot und was Karneval und Silvester gemeinsam haben oder gerade eben nicht.

von Christoph Kröpl am Aschermittwoch, dem 18.02.2026

Silvesterfeuerwerk und Karneval sind zwei Formen kulturell erlaubten Sonderzustandes: Für kurze Zeit wird es laut, schmutziger und enthemmter, Rettungsdienste und Ordnungskräfte sind stärker gefordert und es entsteht Müll. Und doch verlaufen die Debatten auffällig asymmetrisch. Ausgerechnet Silvesterfeuerwerk, das für Privatpersonen im Kern nur am 31. Dezember und 1. Januar zulässig ist, wird immer wieder als moralischer Problemfall behandelt.

Dabei ist es keineswegs nur „eine Handvoll Krawallmacher“: Eine Umfrage im Auftrag des TÜV-Verbands 2025 kommt auf 22 % der Volljährigen, die zu Silvester Feuerwerk nutzen wollen – das sind grob 14,5 Mio. Menschen. Das ist eine Minderheit, aber eine große, kulturell verankerte. In vielen Debatten werden die Vorwürfe zudem größer erzählt, als die empirische Lage es hergibt: Einzelne Schäden und Straftaten sind natürlich da, aber aus ihnen wird häufig und gerne eine pauschale Erzählung gemacht, die das gesamte Phänomen Silvesterfeuerwerk als systemgefährdend kennzeichnet.

Gerade der Vergleich mit Karneval macht sichtbar, worum es unter der Oberfläche geht: Beide Praktiken erzeugen Externalitäten – Lärm, Müll, Stress für Tiere und Belastung öffentlicher Dienste. Beim Karneval kommen oft alkoholbedingte sexuelle Übergriffe in Mengen hinzu, die kulturell als „Preis der Feier“ mitgetragen werden. Dieser „Preis“ wird dann oft mit dem Argument gerechtfertigt, Karneval sei ein komplexes Brauchtumssystem, das zudem auch politische Kritik übt und aktuelle Debatten z.B. bei den Motivwagen aufgreift. Beim Feuerwerk dagegen werden jegliche gesellschaftlichen Aspekte negiert, als überholte Tradition geframt und die Diskussion rutscht schnell in eine Sprache der Verdammung („asozial“, „primitiv“, „unvernünftig“). Hier zeigt sich im nietzscheanischen Sinn eine Ästhetik der Moral: Nicht die Schwere der Folgen und die Kosten in der Gemeinschaft entscheiden, sondern vor allem die kulturelle Codierung. Was als buntes Brauchtum gilt, bekommt Schonraum; was nach Rauch, Gestank und Kontrollverlust aussieht, wird leichter als „niedrig“ markiert. Gilt damit als schlecht und „nicht mehr zeitgemäß“ und kann doch somit einfach verboten werden?

Eine weitere Dimension macht diese Logik noch deutlicher: Adventskränze und Weihnachtsbäume sind ebenfalls Brauch und Kulturerbe. Und riskant. Der Gesamtverband der Versicherer nennt für den Dezember 2023 mehr als 6.000 zusätzliche Brände, häufig durch Kerzen an Gestecken oder trockenen Bäumen. Und im Januar gibt es vielerorts Sonderabholungen für die mehr als 20 Mio. ausgedienten Weihnachtsbäume, die dann entweder verbrannt oder im besseren Fall der Biogaserzeugung zugeführt werden. Trotzdem wird daraus selten eine moralisch aufgeladene Verbotsdebatte – es bleibt „Tradition“, also etwas, das man durch Regeln und Vorsicht einhegt und toleriert, statt zu verdammen. Das ist auch gut und richtig. Geht es doch immer um Verhältnismäßigkeit und ein Abwiegen.

Mein Ziel dieses Vergleichs ist ausdrücklich nicht, nun „konsequenterweise“ auch Karneval oder Weihnachtsbräuche verbieten zu wollen. Ich will hier die Funktionsweise moralischer Verbotsdebatten aufzeigen: Häufig sind sie weniger rationale Schadensabwägung als kulturelle Rangordnung. In einer freien Gesellschaft sollten deshalb konkrete Risiken reguliert werden – beim Feuerwerk etwa durch Kontrolle illegaler Ware und Aufklärung –, aber moralische Totalverbote als Ausdruck von Ekel, Distinktion oder Mehrheitsgeschmack mit vorgeschobenen Argumenten, die eben in vielen anderen Bereichen auch gelten würden, haben für mich in einer solchen Gesellschaft keinen Platz. Freiheit heißt nämlich auch, zu tolerieren, was einer Minderheit gefällt, solange die Schäden begrenzt und kontinuierlich reduziert werden. Um es hier aber auch nochmals klar zu sagen: Straftaten müssen geahndet werden. Alles andere ist eine politische Bankrotterklärung, an der sich gut organisierte Gruppen ihr Gemüt kühlen und ihre „moralische Überlegenheit“ ausleben. Was wiederum Raum für ganz andere Debatten öffnet. Die Frage, die sich stellt: welchem Kulturerbe widmen sich die Überlegenen denn nach dem Verbot des Silvesterfeuerwerks?

Was wird dann als nächstes Problem identifiziert, über das man sich moralisch erheben kann, um sich selbst besser und überlegen zu fühlen?

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