Pyronale 26

Wie zeitgemäß ist Feuerwerk? Ein Blick nach der Pyronale

von Christoph Kröpl, der Text wurde dem Tagesspiegel und der Berliner Zeitung als Beitrag angeboten aber nicht angenommen.

Feuerwerk gilt manchen als aus der Zeit gefallen. Wer die Pyronale in Berlin erlebt hat, bekommt ein anderes Bild: Tausende Menschen feiern gemeinsam Himmelskunst, internationale Teams treten miteinander in einen friedlichen Wettbewerb – und an einem historisch belasteten Ort entsteht für zwei Abende etwas ausgesprochen Gegenwärtiges und Schönes.

Ist Feuerwerk eigentlich noch zeitgemäß? Die Frage begleitet inzwischen fast jede öffentliche Debatte über Pyrotechnik. Nach zwei Abenden auf der Pyronale würde ich sie anders stellen: Warum übt Feuerwerk auch heute noch eine solche Faszination auf so viele Menschen aus?

Am 25. und 26. September feierte die Pyronale auf dem Maifeld am Berliner Olympiastadion ihr 20-jähriges Bestehen. Sechs internationale Teams traten mit musikinszenierten Großfeuerwerken gegeneinander an. Doch das eigentlich Interessante begann für mich schon außerhalb des Veranstaltungsgeländes.

Mein Eindruck war: Das Publikum beschränkte sich nicht nur auf das Maifeld. Rund um das Gelände suchten sich zahlreiche Menschen einen Platz, von dem aus sie zumindest einen Teil der Feuerwerke sehen konnten. Auf dem Maifeld saßen währenddessen Familien mit Picknickdecken und Feuerwerksfans mit ihren Kameras, Berlinerinnen und Berliner neben Menschen, die teilweise von weit her für dieses Wochenende angereist waren. Das ist zunächst einmal ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, dass Feuerwerk keineswegs nur ein nostalgisches Vergnügen einer kleinen Gruppe ist. Es zieht Menschen geradezu magisch an.

Und wer dort sitzt, versteht auch schnell, warum „Feuerwerk“ allein der Sache nicht ganz gerecht wird. Was die Teams zeigen, ist eine Form von Himmelskunst. Farbe, Rhythmus, Musik, Bewegung und Dramaturgie werden miteinander verbunden. Jedes Wettbewerbsfeuerwerk dauert etwa 18 Minuten. Man wartet auf bestimmte Bilder, ist überrascht, wenn sich der Himmel plötzlich verändert, und oft geht dann ein hörbares Raunen durch das Publikum.

Für viele Menschen hat ein solcher Abend einen kulturellen Wert, der sich nicht grundsätzlich von einem Konzert, einer Theateraufführung oder einer Lichtinstallation unterscheidet. Die Bühne ist nur ungewöhnlich groß und das Gewinnerteam kommt aus Rumänien.

Ein internationaler Abend an einem historisch vorbelasteten Ort

Die Pyronale ist wie schon gesagt ein sehr internationales Ereignis. Teams aus verschiedenen Ländern treten gegeneinander an, Besucherinnen und Besucher reisen aus dem Ausland nach Berlin, und am Ende stehen Menschen unterschiedlichster Herkunft gemeinsam da und erfreuen sich am selben bunten Himmel.

Gerade auf dem Berliner Maifeld bekommt das noch eine andere Dimension. Das heutige Olympiagelände entstand in seiner wesentlichen Form während des Nationalsozialismus als Teil des damaligen „Reichssportfeldes“. Das Maifeld war als Aufmarschgelände angelegt; 1937 marschierten dort Hunderttausende mit Fackeln auf, als Mussolini Berlin besuchte.

Wenn heute dort internationale Teams einen friedlichen Feuerwerks-Wettstreit austragen und Menschen aus unterschiedlichen Ländern gemeinsam Kunst aus Feuer, Licht und Musik betrachten, entsteht ein bemerkenswerter Kontrast. Schwarzpulver ist hier nicht zum Mittel der Zerstörung, sondern zum Ausgangspunkt für künstlerische Gestaltung und geteilte Emotionen. Aus einem Ort, der einmal für die Inszenierung von Macht, Ausgrenzung und Militarismus stand, wird für zwei Abende ein Ort gemeinsamer Begeisterung und nonverbaler Völkerverständigung.

Was Großfeuerwerk und Silvester miteinander verbindet

Ich war auf der Pyronale nicht nur, um die Feuerwerke zu sehen. Wir haben dort auch unsere Initiative vorgestellt, Feuerwerk in die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO in Deutschland aufnehmen zu lassen. Dabei habe ich mit vielen Besucherinnen und Besuchern gesprochen. Das war natürlich keine repräsentative Befragung. Trotzdem begegneten mir zwei Gedanken recht häufig. Der erste war die Verbindung zwischen professionellem Großfeuerwerk und dem privaten Feuerwerk an Silvester. Einige erzählten, dass sie sich bei Veranstaltungen wie der Pyronale Ideen holen: Farbkombinationen, Abfolgen, Effekte. Das Großfeuerwerk ist für sie Inspiration für das kleine Feuerwerk, das sie später selbst für Familie, Freunde oder Nachbarschaft gestalten. Manche fiebern Silvester deshalb schon entgegen. Die Grenzen zwischen professioneller Feuerwerkskunst und privater Festkultur sind offenbar durchlässiger, als es die öffentliche Diskussion manchmal erscheinen lässt.

Der zweite Punkt war fast noch interessanter. Viele der Menschen, mit denen ich gesprochen habe, verfolgen die zunehmend kritische Diskussion über Feuerwerk sehr genau. Sie fühlen sich von pauschalen Debatten über Verbote nicht verstanden. Gleichzeitig stört es sie selbst, wenn Menschen verantwortungslos mit Pyrotechnik umgehen und dadurch Feuerwerk insgesamt in Verruf gerät.

Berlin hat ein Pyrotechnikproblem – aber welches?

Es wäre aus meiner Sicht falsch, die Probleme rund um den Jahreswechsel kleinzureden. Angriffe mit Pyrotechnik, gefährlicher Missbrauch und illegale Feuerwerkskörper sind einfach Fakt und müssen konsequent angegangen werden. Beim Jahreswechsel 2025/26 wurden nach Angaben der Berliner Polizei 22 Polizeikräfte durch Pyrotechnik verletzt. Die Senatsinnenverwaltung berichtete zugleich, dass Polizei und Behörden bereits weit vor und während des Jahreswechsels mehr als 220.000 pyrotechnische Gegenstände aus dem Verkehr gezogen hatten, darunter eine große Zahl von Gegenständen der Profi-Kategorie F4.

Ein legal angebotenes F2-Feuerwerk ist eine völlig andere Sache als ein illegal eingeführter oder nicht zugelassener Knallkörper. Dieser ist nicht nur deutlich lauter, sondern bringt auch erhebliche Gefahren mit sich. Beides ist wiederum etwas anderes als professionelle Pyrotechnik höherer Kategorien, die ohne entsprechende Berechtigung verwendet wird. Letzteres kann schnell tödlich ausgehen. Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) beschreibt F2 als Feuerwerk mit „geringer Gefahr”. Zugelassene Produkte sind entsprechend gekennzeichnet und vor allem eines: sehr sicher. Wenn aber diese unterschiedlichen Dinge unter dem einen Wort „Feuerwerk“ oder diffamierend als „Böller“ zusammengefasst werden, wird eine vernünftige Diskussion schwierig.

Genau hier liegt aus meiner Sicht eines der Probleme der Berliner Debatte. Die negative Wahrnehmung von Feuerwerk hat reale Ursachen. Die entscheidende Frage ist aber, ob wir diese Ursachen präzise genug benennen. Wer weniger gefährliche Pyrotechnik auf Berliner Straßen will, muss sich mit illegalem Handel, Einfuhr, Kontrollen und Missbrauch beschäftigen. Wer Angriffe auf Rettungskräfte verhindern will, muss über die Motive und Hintergründe sprechen, nicht nur über das Mittel. Schließlich finden diese Angriffe das ganze Jahr über mit unterschiedlichen Mitteln statt. Und selbstverständlich gehört zu einer modernen Feuerwerkskultur auch Rücksicht auf Nachbarn, Tiere und Menschen, die mit Lärm Schwierigkeiten haben, und am Ende auch, seinen Müll wieder einzusammeln.

Das alles lässt sich diskutieren, ohne Millionen friedlich Feiernde und diejenigen, die Feuerwerk als Festkultur erleben, mit den Verursachern von Gewalt und gefährlichem Missbrauch gleichzusetzen.

Niemand muss Feuerwerk mögen

Manche Menschen lieben Opern, andere können damit nichts anfangen. Manche verbringen ihre Abende auf Technopartys, andere würden freiwillig keinen Club betreten. Eine Großstadt lebt davon, dass Menschen sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was schön, wichtig oder kulturell wertvoll ist. Die interessantere Frage lautet, ob eine Gesellschaft Raum für eine Kulturform lässt, die offensichtlich noch immer sehr viele Menschen begeistert – und wie sie gleichzeitig dafür sorgt, dass diese Kultur verantwortungsvoll und rücksichtsvoll ausgeübt werden kann.

Nach zwei Abenden auf dem Maifeld fällt es jedenfalls nicht nur mir schwer, Feuerwerk einfach als Relikt aus einer anderen Zeit abzutun. Dort waren Menschen, die gemeinsam staunten, fotografierten, diskutierten und manchmal einfach schweigend in den Himmel sahen. Menschen aus verschiedenen Ländern feierten die Arbeit internationaler Feuerwerkskünstler. Und es schien ziemlich nebensächlich zu sein, woher jemand kam, welchen Alltag er normalerweise lebt oder was die Menschen sonst voneinander trennt. Ehrlich gesagt: In der heutigen Zeit ist das für mich sogar ein sehr zeitgemäßes Ziel. Etwas, dass ich mir für unseren allgemeinen Umgang miteinander und nicht nur beim Feuerwerk viel häufiger wünschen würde.

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